Die Tafeln sind wichtiger denn je …

„Es ist ein Skandal, dass es in einem wohlhabenden Land wie in Deutschland Tafeln geben muss.“ Jeder müsse von seiner Hände Arbeit leben und Lebensmittel selbst einkaufen können, forderte Dekan Siegfried Stelzner am Samstag beim Regionaltreffen der Tafeln Bayern-Süd in der Alten Kaserne.
Im Mittelpunkt des Treffens stand der Austausch der Tafeln untereinander.
Bei aller Kritik an den sozialen Zuständen: Die ehrenamtliche Arbeit, die in den Tafeln geleistet wird, wurde von allen Rednern ausdrücklich gelobt. Trägerverein der Landshuter Tafel ist das Diakonische Werk. Dessen Vorsitzender, Dekan Siegfried Stelzner, kritisierte, dass in Landshut zwar nahezu Vollbeschäftigung bestehe, aber immer mehr Menschen auf die Hilfe des Staates angewiesen seien. Die eigene Arbeit reiche offenbar nicht aus, Mieten und Lebenshaltungskosten seien zu hoch, viele Löhne indes zu niedrig. Laut Pfarrer Stelzner leben in Landshut rund 20 Prozent aller Kinder in Hartz-IV-Familien. Stelzner erinnerte an die Armutskonferenz, die vor zehn Jahren ihren Auftakt hatte. Inzwischen gebe es beispielsweise den Sozialpass, dafür gebühre Oberbürgermeister Hans Rampf großer Dank. Allerdings tauche das nächste Problem auf, wenn gerade erst eines gelöst worden sei. Doch es gehe darum, sich nicht entmutigen zu lassen, daran mitzuarbeiten, die soziale Schieflage geradezurücken, um jedem zu ermöglichen, in Würde am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben.


Die Koordinatorin der Landshuter Tafel, Brigitte Hochban, gehört zu den unermüdlichen Ehrenamtlichen, die der Schieflage etwas entgegensetzen. Sie und ihr Team hörten von den Tagungsrednern großes Lob. Oberbürgermeister Hans Rampf würdigte die Landshuter Tafel, in der Außergewöhnliches geleistet werde. Weil dort immer wieder schwere Kisten geschleppt werden, warb er um weitere männliche Ehrenamtliche. Er brachte die Idee auf, nach dem Wegfall des Zivildienstes ein Pflichtjahr einzuführen, das auch den Tafeln zugute kommen könnte. Außerdem brach Rampf eine Lanze für Supermärkte. Von ihnen, von Bäckereien, und anderen Lebensmittelbetrieben kämen die Waren für die Tafeln.
Seine Prognose, dass Tafeln auch künftig nötig seien, begründete Rampf damit, dass immer mehr Menschen einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen, Minijobs hätten oder sich scheiden ließen. Wenn diese Leute in Rente seien, hätten sie keine 1000 Euro im Monat.
Reiner Haupka, Vorstand der Tafeln Bayern-Süd, sagte am Rande des Treffens im LZ-Gespräch, dass bundesweit eineinhalb Millionen Menschen in Tafeln versorgt würden – Tendenz steigend. Er sprach von
einem starken Gefälle zwischen Groß- und Geringverdienern und einer Mittelschicht, die immer weiter bröckele. Haupka: „Wenn es so weitergeht, haben wir in spätestens zehn Jahren eine absolute Rentnerarmut.“ Auf die Frage, was er sich wünscht, sagte Haupka: „Die schönste Vorstellung eines jeden Tafelmitarbeiters ist es, wenn es die Tafeln nicht mehr bräuchte.“ Leuten, die kritisieren, dass die Tafeln eine Aufgabe erledigten, die der Staat übernehmen müsste, antwortete der Tafel-Vorsitzende Bayern-Süd dies: „Sozialwissenschaftliche Theorien sind schön und gut. Aber von Ausführungen darüber, warum es Tafeln nicht geben sollte, können die Menschen, die heute Hunger haben, nicht leben.“

(Siegfried Rüdenauer – Auszug aus der Landshuter Zeitung)

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.